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mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 wurde die Einheit Deutschlands eingeleitet. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wuchs jedoch die Kluft zwischen Ost und West zusammen und etwas Großartiges und Einzigartiges ist entstanden: das Europa, in dem wir heute leben dürfen: ein Europa der Freiheit, der Demokratie und der Toleranz!

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Hans-Dietrich Genscher

- in Erinnerung an ihn -

Niemand hat die deutsche Außenpolitik so geprägt wie er. Von 1974 bis 1992 vertrat der FDP-Politiker die deutschen Interessen im Ausland, zunächst unter Helmut Schmidt und dann im Kabinett Helmut Kohl. In der Nacht zum Freitag (01.04.2016) ist Hans-Dietrich Genscher im Alter von 89 Jahren gestorben.

Am 30. September 1989 spricht der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) vom Balkon der Prager Botschaft zu 4.000 DDR-Flüchtlingen. Seine Botschaft: Die DDR-Bürger dürfen ungehindert in den Westen ausreisen. Mit dieser Szene schreibt Genscher schon zu Lebzeiten Geschichte – und sie zählt zu den Höhepunkten in seiner Karriere. "Die Stunden in der deutschen Botschaft in Prag gehören zu den bewegendsten meines Lebens", schreibt er später in seinen Memoiren.

Taktiker mit eigenem Humor

Der Mann mit dem gelben Pullunder gilt als vorausschauender Taktiker und verfolgt seine Ziele unbeirrbar - egal unter welchem Kanzler. In der Welt prägt er mit seiner taktierenden und stillen Art, politische Ziele in die Tat umzusetzen, den Begriff "Genscherismus". Kein Außenminister reist so viel wie er. Die Entspannungspolitik zwischen Ost und West, die Wiedervereinigung sowie die Einigung Europas werden im Laufe seiner 18-jährigen Amtszeit als Außenminister zu seinen wichtigsten Themen. Bekannt ist er nicht nur für seine Arbeitswut, sondern auch für seinen Humor. Karikaturen, die sich vor allem mit seinen "Elefantenohren" beschäftigen oder den Kult-Comic über den omnipräsenten "Genschman" der Satire-Zeitschrift Titanic trägt Genscher mit Fassung. Als er 1974 Außenminister wird, muss er erst einmal Englisch lernen. Auf die Frage der Journalisten nach seinen Sprachkenntnissen, antwortet Genscher, er habe sich um das Amt des Außenministers beworben, nicht um das Amt des Dolmetschers.

Kindheit und Jugend

Genscher als Vierjähriger

Hans-Dietrich Genscher, geboren am 21. März 1927, wächst in Halle an der Saale auf. Sein Vater arbeitet als Syndikus beim Landwirtschaftsverband. Als Genscher neun Jahren alt ist, stirbt der Vater. Als Schüler ist Genscher Mitglied der Hitlerjugend und wird als 15-Jähriger wird von den Nazis als Flakhelfer eingesetzt. Bis 1945 leistet er Kriegsdienst. Nach dem Krieg macht er Abitur, erkrankt aber kurz darauf an Tuberkulose. Über drei Jahre verbringt der junge Genscher in Krankenhäusern und Lungenheilanstalten. Nach seiner Genesung studiert er Rechtswissenschaften in Halle und Leipzig. Als liberal denkender Referendar bekommt er in der DDR jedoch Probleme. Darum verlässt  Genscher 1952 seine Heimat und zieht zunächst nach Hamburg und tritt im selben Jahr der FDP bei. Von 1958 bis 1966 ist Genscher mit Luise Schweizer verheiratet. Aus dieser Ehe hat Genscher eine Tochter. 1969 heiratet er seine ehemalige Sekretärin Barbara Schmidt. Mit ihr lebt Genscher in Wachtberg bei Bonn. Hier findet er seine zweite Heimat. Bereits 1956 ist er nach Bonn gezogen, um als wissenschaftlicher Angestellter für die FDP zu arbeiten. Dort macht der junge Anwalt schnell Karriere.

Schwerer Start als Innenminister

Genscher verhandelt mit Geiselnehmern

Doch der Beginn von Genschers politischer Karriere ist alles andere als einfach. Von 1969 bis 1974 ist er Innenminister im Kabinett von Willy Brandt (SPD). Eine schwere Zeit, geprägt von Terrorismus und Unruhen. 1972 erlebt Genscher die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft während der Olympischen Spiele in München hautnah mit. Er verhandelt persönlich mit den palästinensischen Geiselnehmern, bietet sich sogar selbst als Austauschgeisel an – und kann die Morde an den israelischen Sportlern doch nicht verhindern. In einer ARD-Dokumentation spricht er von seiner "schwersten Stunde". Genscher war es auch, der 1972 mit der "Aktion Wasserschlag" die erste bundesweite Fahndung gegen die RAF genehmigte und den Kriminalistik-Experten Horst Herold zum Chef des Bundeskriminalamts machte.

Königsmord und Wiedervereinigung

Als Helmut Schmidt (SPD) 1974 Bundeskanzler wird, macht er Genscher zum Außenminister und zum Vizekanzler. Gleichzeitig übernimmt Genscher den Vorsitz der FDP, den er bis 1985 behalten wird. Von 1965 bis 1998 hat er als Bundestagabgeordneter seinen Wahlkreis in Wuppertal. In der Koalition mit der FDP muss die SPD wegen Genschers Positionen häufig Kompromisse eingehen, Konflikte gibt es oft. Nach acht Jahren zerbricht die sozial-liberale Koalition schließlich. Die politischen Ansichten der Parteien gehen zu stark auseinander. Genscher setzt sich für die Nachrüstung ein, und auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik findet man keinen Konsens mehr. 1982 treten alle FDP Minister von ihren Ämter zurück. Es kommt zur "Bonner Wende". Gemeinsam mit der CDU/CSU stürzt die FDP Helmut Schmidt per Misstrauensvotum. Genscher gilt für manche Parteifreunde deshalb als "Königsmörder der sozialliberalen Union". Einige FDP-Politiker verlassen die Partei aus Protest und wechseln zur SPD. Doch Genscher sind seine politischen Ziele und die Regierungsbeteiligung der FDP wichtiger als der Koalitionspartner. Nach der Bundestagswahl 1982 bleibt Genscher auch im Kabinett von Helmut Kohl (CDU) Außenminister und Vize-Kanzler – und das für weitere zehn Jahre.

Wiedervereinigung und Europäische Gemeinschaft

Am 3.Oktober 1990 auf dem Balkon des Reichstags

Die Zeit im Kabinett Kohl ist geprägt von der Annäherung zwischen Ost und West. Hans-Dietrich Genscher gilt als "Architekt der Wiedervereinigung", denn er überzeugt die Machthaber der Welt von der Idee, Deutschland wieder zusammenzuführen. Für Kanzler Kohl musste er dabei auch schon mal die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Denn der vergleicht 1986 den damaligen russischen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, in einer Rede mit Joseph Goebbels. Das macht die ersten diplomatischen Gespräche mit Gorbatschow nicht gerade einfach. Doch trotz anfänglicher Probleme nähert man sich immer weiter an. 1989 fällt die Mauer in Berlin und Deutschland wird wiedervereinigt. Ein Jahr später erkennt Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion die Souveränität des geeinten Deutschlands an.

Der unerwartete Rücktritt

Genscher arbeitet nach der Wiedervereinigung erfolgreich für ein geeintes Europa. In seinem letzten Amtsjahr unterschreibt er in Maastricht die Verträge zur Wirtschafts- und Währungsunion in Europa. Eine letzte Herausforderung ist für Genscher die Krise auf dem Balkan. Für seine Entscheidung, die Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien schnell anzuerkennen, wird er zum Teil scharf kritisiert. In den Ländern selbst gilt er deshalb jedoch als Held. An seinem 65. Geburtstag am 21. März 1992 tritt Genscher vom Amt als Außenminister zurück. Er wolle lieber gefragt werden, warum er schon aufhöre, als gefragt zu werden, wann er endlich gehe, kommentiert Genscher seinen Entschluss. Bei seinem Rücktritt ist er der dienstälteste Außenminister der Welt.

Genscher bleibt politisch aktiv

Als Bundestagsabgeordneter und Ehrenvorsitzender der FDP mischt er sich auch nach seinem Rücktritt als Minister weiter ins politische Geschehen ein. Er arbeitet wieder für seine Anwaltskanzlei, gründet eine Beraterfirma und unterstützt die FDP im Wahlkampf. Seinen achtzigsten Geburtstag feiert Genscher mit internationaler Prominenz im Zirkuszelt Sarrasani in Berlin. Um seine Enkelinnen zu beeindrucken, will er sogar die Pop-Gruppe Tokio Hotel für die Feier engagieren. Die muss jedoch aus Zeitgründen absagen. Genscher bleibt bis zum Schluss als Schlichter, Berater oder Kommentator aktiv. Gesundheitlich war er in den letzten Jahren angeschlagen.

WDR-Nachrichten, 01.04.2016